Hinterlistig blinzelte die Sonne durchs Fenster und kitzelte mich mit ihren Strahlen wach. Zaghaft dröhnte mir der Schädel, mittelschwerer Kater, diagnostizierte ich.
Ich lag quer auf dem Bett, die Klamotten an, das Hemd nur halbherzig aufgeknöpft. Auf meinem rechten Handrücken entdeckte ich blinzelnd getrocknetes Blut. Ich war mal wieder im „Panorama“-Hotel gelandet. Das passierte mir öfters, wenn mir der Weg nachts nach Hause oder ins Atelier zu weit war. Ich hievte mich aus dem Bett und wäre fast in ein kaputtes Glas getreten, das auf dem Boden stand. Ah, daher das Blut.
Ich gewährte der Sonne Einlass, indem ich die blauen Gardinen beiseite zog und auf den Adenauerplatz schaute. Es war ein herrlicher Abend gewesen. Da war das bisschen Kopfweh schon okay.
Ich stiefelte ins Badezimmer und schaute in den Spiegel. Alles in Ordnung. Heute Abend mal wieder rasieren.
Mit Joachim hatte ich mich in der „Vesper“-Bar auf ein paar unverbindliche Drinks getroffen. Plötzlich war ein Trupp junger Touris mit drei Mädels reingekommen und hatte auf dicke Hose gemacht. Sie kamen wohl aus irgendeinem Kaff im Rheinland. Einer bestellte Schampus und gab dem Barkeeper großspurig zu verstehen, dass er die Flache selbst aufmachen wollte.
Sollte ich schnell noch ein Bad nehmen? Ein paar kräftige Schübe Waser ins Gesicht reichten. Es war schon nach neun und um halb elf kam Jasmin zum Frühstück.
Jedenfalls: Der Schampus kam, der Taugenichts zeigte seiner Entourage stolz das Etikett, drehte die Flasche auf den Kopf und dachte beim Entkorken wohl ernsthaft, er sei kräftig genug, den Korken nach dem Plopp auf der Flasche halten zu können. Klappte natürlich nicht, es gab eine Schampus-Dusche auf Kniehöhe, er riss verzweifelt die Flasche hoch, so dass die ganze Bagage ordentlich was abbekam. Die Frauen kreischten, waren wütend und ruck-zuck weg. Merke: Berliner Mädels sollten sich nicht mit Touristen einlassen. Die vier Jungs hackten aufeinander rum, wobei der Dilettant seine Schuld nicht einsehen wollte. Dann kam die Rede aufs Geld, 120 Euro, in Sekunden verspritzt. Joachim warf von seinem Barhocker aus ein, sie sollten froh sein, dass sie keine Magnumflasche bestellt hatten, erntete wütende Blicke vom Tisch und ein Lachen vom Barkeeper. Am Ende orderten die Landeier Köpi und Joachim und ich genehmigten uns angesichts dieser großartigen Kabarettvorstellung noch zwei, drei Drinks.
Ich sammelte behutsam die Scherben des Glases ein, man will ja keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Dabei entdeckte ich am Fuße des Bettes eine Rotweinflasche noch zu zwei fingerbreit gefüllt. Nachdem ich mich von Joachim verabschiedet hatte, war mir Mikey über den Weg gelaufen. Ihn kenne ich nun schon seit Ewigkeiten, er ist sozusagen mein persönlicher Transporteur, wenn sich ein Kunde für ein besonders großes Bild von mir entschieden hat, das ich ihm nach Hause liefere. Wir trafen uns direkt auf dem Adenauer, es musste kurz nach Mitternacht gewesen sein, er hatte sich gerade noch eine Pizza geholt. Wir holten im Späti zwei Flaschen Rotwein, immerhin 15 Euro das Stück, vorbei an der Fuselgrenze, unter Bordeaux-Niveau, und hockten uns auf unsere Bank mitten auf dem Platz. Da waren wir schon oft gesessen. Im Sommer, im Winter und jetzt in dieser Frühlingsnacht. Brüderlich wurde die Pizza Pepperoni geteilt und die erste Flasche aufgeschraubt. Die war auch zügig leer, wir tranken die zweite noch an, der gütige Späti-Mann hatte uns kostenfrei Plastikbecher zur Verfügung gestellt, dann musste Mikey los, weil er morgens früh ne Fuhre hatte. Ich blieb mit der Flasche zurück, schaute hinüber zum „Panorama“ und entschied mich, mal wieder dort zu nächtigen. Das Hotel hat den Charme der Achtziger, aber es liegt optimal, für 40 Euro ist schon ein Einzelzimmer drin, und da ich dort nie frühstücke, muss ich mich auch nicht erschießen, was ich im tristen Frühstücksraum des Hotels irgendwann wohl täte. An der Rezeption läufts unkompliziert, die Betten sind durchgelegen, aber das ist mir in dem Zustand, in dem ich dort immer ankomme, egal.
Ich hielt prüfend die Weinflasche in der Hand und wollte sie gerade in den Papierkorb stellen, da sagte ich mir „Komm“, kleiner Kreislaufschub in Ehren, nahm den letzten kräftigen Schluck, ein Rieseln lief mir den Rücken runter, mein Kopfweh zuckte ganz kurz empört auf. Ich steckte mir auf dem Weg nach unten einen Spearmint in den Mund, zahlte, wünschte einen angenehmen Tag und marschierte guten Mutes die Lewishamstraße runter, in Richtung Atelier.
Schreibe einen Kommentar